Über Uns

Georg Verfürth

von Peter Garzke

„Sie haben Morbus Bechterew!“ – und von einem auf den anderen Moment war alles anders.“

Als Georg Verführth 1996 zur Bundeswehr eingezogen wurde, sollte sein Wehrdienst widererwartend kurz verlaufen. Die medizinische Abteilung der Bundeswehr hatte überraschend festgestellt, dass seine dramatischen Rückenschmerzen einen noch dramatischeren Hintergrund hatten.„Sie haben Morbus Bechterew!“ – und von einem auf den anderen Moment war alles anders. Berufliche und vor allem sportliche Träume wurden in diesem Moment brutal zerrissen und der Versuch neue Perspektiven aufzubauen, sollten den jungen Menschen zunächst auf eine harte Probe stellen. Bei der chronisch verlaufenden, rheumatischen Erkrankung Morbus Bechterew verknöchern insbesondere das Becken und die Wirbelsäule. Für jeden Menschen ist diese Diagnose eine große Herausforderung, für den Sportler Georg fühlt sie sich zunächst wie ein bisschen Sterben an.

Georg verbringt als Jugendlicher viel Zeit an einem lokalen Baggersee mit dem Namen Wissel. Das Windsurfen erlernt er dort 1983, und schnell fällt sein enormes Talent ins Auge. Spielerisch und intuitiv erreicht er in kürzester Zeit ein hohes fahrtechnisches Niveau, das seinesgleichen sucht. Das muss in etwa die Zeit gewesen sein, als unsere Wege sich das erste Mal kreuzten. Schnell finden wir heraus, dass uns die Liebe zum Sport und die Herausforderung mit der Bewegung verbindet. Mit unseren selbst gebauten und viel zu kleinen Boards kämpfen wir mit dem böigen Wind des Baggersees. Häufig sind die Wasserstunden frustrierend, weil sie unter den selbstgewählten Parametern sehr anspruchsvoll sind. Oft stehen wir bis zur Hüfte im Wasser und balancieren. Was auf den ersten Blick sinnfrei erscheint, ist die Vorbereitung auf das was kommen soll.

Wir schrauben die Windsurfsegel auf unsere Skateboards, um auch in den Wintermonaten unserer Leidenschaft nachgehen zu können. Und auch wenn der Winter uns ausbremsen will,  haben wir eine Antwort parat und tauschen kurzerhand die Rollen gegen Kufen aus. So perfektionieren wir spielerisch unsere Fähigkeiten.

Während ich allmählich meine ersten größeren Windsurftrips erlebe, Wettkämpfe absolvierte und eine Profikarriere anstrebe, arbeitet Georg zunächst als Sportfachverkäufer in einem Windsurfshop und sammelt in der angeschlossenen Windsurfschule die ersten Erfahrungen, um dann 1990 eine Ausbildung beim IWA Verband zum Surflehrer abzuschließen. Auch Georg zieht es nun in die Ferne. Zunächst geht es nach Italien, wo er für einen Reiseanbieter als Windsurflehrer arbeitet, zeitgleich aber auch eine weitere Ausbildung zum VDWS Surflehrer erfolgreich absolviert. Ende 1991 verschlägt es Georg nach Fuerteventura, wo er bis 1995 bleiben sollte. 1994 macht er wieder eine Ausbildung, dieses Mal zum VDWS Basisleiter. Wir sehen uns nun leider nur noch sporadisch. Und gemeinsame Stunden auf dem Wasser sind daher eher die Seltenheit. Wenn es dann doch einmal glücklich zusammenläuft, fällt mir auf, dass Georg seinen ganz persönlichen Stil entwickelt hat. Er arbeitet stark mit dem Oberkörper, während er es versteht seinen Unterbau extrem souverän und ruhig, beinahe steif, zu kontrollieren. Was mich damals fasziniert, weil es eine ganz eigene Note hatte, soll ein Vorbote seiner Diagnose sein.

Georg hat immer häufiger Rückenschmerzen, die in regelmäßigen Abständen wiederkehren. Er hat Schübe, die für seine Krankheit typisch sind. Er ist verzweifelt und auch die Ärzte sind zunächst keine große Hilfe. 1996 wird Georg zum Wehrdienst eingezogen und dies geht mit den entsprechenden medizinischen Untersuchungen einher. Trotzdem dauert es noch weitere drei Monate bis es eine niederschmetternde Diagnose geben soll. „Sie haben Morbus Bechterew!“ – Georg wird sofort vom Wehrdienst freigestellt.

Die Krankheit ist mittlerweile schon etwas fortgeschritten und ich erinnere mich, dass Georg ein letztes Mal mit mir in Holland an der Küste in den Wellen surft. Er, der früher so geschickt sein Brett nach meterhohen Sprüngen landen konnte, hat nun Schwierigkeiten die Kraft abzufangen, weil sein unterer Rücken schon versteift ist. Diese neue Situation als ambitionierter Sportler zu verdauen, ist kein Leichtes und es soll lange, sehr lange dauern bis Georg eine Perspektive entwickeln kann, die das Leben wieder lebenswert macht.

Georg flüchtet in die Arbeit. Da ihm die Ausführung seiner bisherigen Aufgabe auf Dauer körperlich nicht mehr möglich erscheint, macht er 1999 eine Umschulung zum orthopädischen Schumacher. Er arbeitete schon immer gerne handwerklich und der Tausch vom Surfbrett zum Schuh sollte für eine gewisse Zeit dem Selbstbetrug standhalten. Es ist eine sitzende Tätigkeit und ist entsprechend günstig für jemanden, der Morbus Bechterew hat. Eine ausreichende Begründung um die neue Lebensweise, die doch eigentlich ganz ok ist, zu rechtfertigen.

Georg, der das Wasser und die weite Welt liebte, hockt nun auf einem Schemel und bastelt gehfreundliches Schuhwerk. Der Selbstbetrug, dem er aufsitzt, ist leider zeitweise nur mit dem richtigen Pegel zu ertragen. Ihm fehlen der Sport, das Adrenalin, die Freude und eine Perspektive. Der erste Schritt aus diesem Dilemma ist der, der ihn zurückführte zu seiner Leidenschaft – dem Wassersport. Ein langjähriger Freund möchte sich beruflich verändern und übergibt den idealerweise an einem See gelegenen Wassersportshop an Georg. Dieser hat mittlerweile verstanden, dass das Schuhhandwerk nicht sein Lebensinhalt ist und ist sich nun auch sicher, dass seine Diagnose ihn nur gedanklich eingeschränkt hat. Seine Bewegungfähigkeit lässt sicherlich mehr zu, als auf einem Stuhl zu handwerken.

Mit Freude widmet er sich wieder seiner Passion. Es ist eine Fügung, dass sich gleichzeitig auch die Infrastruktur des Sees in Xanten verändern soll. Xanten wird zunehmend zu einem Naherholungsgebiet entwickelt. Schulklassen verbringen dort ihre Klassenfahrten und nehmen das breite Spektrum der Wassersportangebote in Anspruch. Georg, der seine Windsurfschule immer professionell weiterentwickelt hatte, bekommt nun die Bestätigung, dass sein Lebenskonzept nachhaltig sinnvoll ist. Der Erfolg und den Spaß, den er dabei erlebt und vermittelt, lassen die schweren Zeiten vergessen.

Zeitgleich gibt es auch im Wassersport nach dem Wellenreiten, dem Windsurfen und dem Kiten die Wiedergeburt einer totgeglaubten Wassersportart. Die Hawaiianer hatten sich erinnert, dass man ein überdimensionales Longboard auch mit einem Paddel fortbewegen kann. Der Sport verlässt die Inseln und schwappt herüber nach Europa. Das simple Naturerlebnis, das einen zudem trainiert, bewegt auf einmal Massen.  Menschen, die bislang keine Beziehung zum Wasser aufbauen konnten, paddeln nun mit Gleichgesinnten auf einem See und lieben es. Georg hatte die Entwicklung antizipiert und investiert massiv in die neue Volkssportart. All stars are lined up – Es scheint so, dass Georgs Ideen, seine Ausbildungen,  und Wünsche, aber auch das Umfeld und die Infrastruktur sich bündeln. Georg, der mittlerweile die größte SUP-Station Deutschlands aufgebaut hat, ist seiner Leidenschaft gefolgt und das ist sehr häufig der Schlüssel zum Erfolg.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der Georgs Wassersportstation neben der Lage und dem Know How zu einer besonderen macht. Aufgrund seiner Erkrankung hat Georg immer einen starken Bezug zu benachteiligten Menschen gehabt. Er behandelt jeden gleich und hat immer ein offenes Ohr. Dieser Zug schafft ihm auch einen starken Zugang zu behinderten Menschen jeglicher Ausrichtung und auch Sportlern, die sozial benachteiligt sind. Auch Suchtkranke findet den Weg zu ihm. Schon ganz früh gibt es beispielsweise eine Gruppe blinder Menschen, die bei ihm regelmäßig Windsurfkurse buchen. Ausgerüstet mit einem Headset und einem persönlichen Begleiter können Christian und seine Freunde auf diese Weise den Wassersport erleben. Zuletzt beobachtete ich sogar, wie ein Rollstuhlfahrer, inklusive seines Rollstuhls auf einem Mega-SUP fixiert wurde. Die Idee allen Menschen, ohne Ausnahme, den Wassersport zu ermöglich ist ganz alleine Georgs Idee. Vermutlich wäre sein Weg ohne seine eigenen Erfahrungen im Umgang mit seiner Diagnose ein anderer gewesen.

Man könnte jetzt sagen, er hat das Beste daraus gemacht. Mir persönlich wäre das aber viel zu wenig.